Thesenpapier 1.01
Position Paper
Prise de Position

Mit der Chiffre „Digitalisierung“ ist ein umfassender Wandel sozialer Systeme verbunden, der Ökonomisches, Technologisches und Soziales neu verbindet und zusammensetzt. Die Soziale Arbeit wiederum kann man positionieren als Praxiswissenschaft, die sich ebenfalls mit dem Wandel ökonomischer, technologischer und sozialer Rahmenbedingungen beschäftigt und insbesondere die Subjekte in diesen Handlungsfeldern immer wieder neu begreift und verortet. Deshalb ist die Soziale Arbeit dazu aufgerufen, sich mit dem Thema der „Digitalisierung“ in seiner Komplexität zu beschäftigen. Mit Digitalisierung wird eine Entwicklungsoffenheit sozialer Prozesse angesprochen, die keine starre und endgültige Position erlaubt, sondern offene und anpassungsfähige Strukturen bedingt. Da Digitalisierung alle Lebensbereiche und somit die Lebenswelten der Adressatinnen, der Sozial Arbeitenden und soziale Organisationen durchdringt und sich bestehende soziale Fragen von Machtverhältnissen, Sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe neu stellen, ist die Thematik in allen Bereichen der Sozialen Arbeit relevant. Sich einer Positionierung zu entziehen, ist nicht möglich. Auch Passivität und nichts tun, ist keine neutrale Position. Im Gegenteil wird hier die These vertreten, dass die Soziale Arbeit im hier verstandenen Sinne prädestiniert dazu ist, in wissenschaftlicher wie praxisorientierter Hinsicht das Phänomen der „Digitalisierung“ zu erschließen.

Die folgenden sechs Thesen wollen das Potential unterstreichen, welches in der Sozialen Arbeit in Bezug auf die „Digitalisierung“ liegt. Es gilt allerdings, dieses Potenzial auch sichtbar und wirksam werden zu lassen. Zu diesem Zweck sollten sich unterschiedliche Institute, Akteure und Einzelpersonen zusammenschließen. Da diese Debatte erst am Anfang steht, versteht sich dieses Positionspapier als prinzipiell offenes Diskussionspapier, das einen Anstoss zur Debatte geben soll.

01

Soziale Arbeit...
Social Work ...
Le travail Social ...

ist aufgrund ihres komplexen Arbeitsfeldes prädestiniert und in der Pflicht, sich mit Fragen der Digitalisierung zu beschäftigen.

Digitalisierung und sozialer Wandel lassen sich aufgrund der Verzahnung neuer Technologien mit Alltagspraxen nicht voneinander trennen. Da sozialer Wandel Gegenstand Sozialer Arbeit ist, geht sie von komplexen Frage- und Problemstellungen aus, die sie als wissenschaftliche Disziplin und Praxis inter- und transdisziplinär umfassend bearbeitet. Dadurch ist die Thematik der Digitalisierung in hohem Masse anschlussfähig an den fachlichen und theoretischen Diskurs Sozialer Arbeit sowie an methodische Diskurse in verschiedenen Handlungsfeldern. Die digitale Transformation soll vermehrt systematisch in theoretischen, empirischen, fachlichen und methodischen Diskursen der Sozialen Arbeit reflektiert werden.

02

Soziale Arbeit...
Social Work ...
Le travail Social ...

muss sich unter Bedingungen der Digitalisierung selbst in Disziplin und Profession transformieren

Der Auftrag der Sozialen Arbeit zur Bearbeitung zentraler sozialer Fragen der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit bleibt angesichts der digitalen Transformation bestehen, wird aber durch neue Fragestellungen und Erscheinungsformen herausgefordert. Die digitale Transformation ist vor diesem Hintergrund zu betrachten und in der Sozialen Arbeit auch zu nutzen. Dies beinhaltet auch die Transformationsprozesse der Profession und Disziplin aktiv zu gestalten.

03

Soziale Arbeit...
Social Work ...
Le travail Social ...

befasst sich sowohl mit Vor- wie auch mit Nachteilen der Digitalisierung

Die digitale Transformation bietet Chancen und Risiken. Allerdings stehen hinter technologischen Entwicklungen oftmals politische und wirtschaftliche Interessen. Die Soziale Arbeit muss die Entwicklung kritisch auf Gewinnende und Verlierende, vorherrschende Interessen und Machtstrukturen hinterfragen. Sie darf die digitale Transformation dennoch nicht auf eine Herrschaftslogik reduzieren, sondern soll diese auch als kulturelle Praxis einer menschlichen medialen Selbstbefähigung verstehen und unterstützen. Es gilt, die Vorteile für die Ziele Sozialer Arbeit zu nutzen, Menschen bei ihrer Selbstverwirklichung zu unterstützen und zu verhindern, dass sie eingeschränkt, gefährdet oder ausgeschlossen werden, und zwar weder durch die Nutzung digitaler Technologien noch durch den Ausschluss von deren Nutzung.

04

Soziale Arbeit...
Social Work ...
Le travail Social ...

pflegt einen sensiblen und bewussten Umgang mit Informationen und Daten

Digitalisierung bedeutet auch Akkumulation und die Verknüpfung von personenbezogenen Informationen und Daten. Soziale Arbeit ist oftmals mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen befasst und erhält vertrauliche Informationen. Soziale Arbeit ist sich dessen bewusst und begegnet der Thematik wachsam und mit erhöhter Sensibilität, insbesondere im Bereich der digitalen Kommunikation mit verschiedenen Anspruchsgruppen. Neu dabei ist, dass die digitalen Datenkörper als „erweiterte Körper“ durch Smartphones, Wearables usw. zum Individuum gehören. Diese Mensch-Medien-Kopplung sowie die Entwicklung u.a. prädiktiver Verfahren sowie der künstlichen Intelligenz wird damit auch zum Gegenstand der Sozialen Arbeit.

05

Soziale Arbeit...
Social Work ...
Le travail Social ...

nutzt und schafft wissenschaftliche Grundlagen zu gesellschaftlichem Wandel.

Um gesellschaftlichen Wandel in seinen technologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen zu verstehen, soziale Fragstellungen und Probleme zu erkennen und eigenes Handeln zu begründen, muss Soziale Arbeit im Austausch mit der Praxis wissenschaftliche Beiträge zur Erforschung dieses Wandels und seiner sozialen Auswirkungen leisten, Grundlagen aus den Bezugsdisziplinen nutzen und in Zusammenarbeit mit diesen weiterentwickeln. Soziale Arbeit braucht dabei einen kritischen Diskurs zu bestehenden Theorien, um zu prüfen, inwiefern sich digitale Transformation mit diesen beschreiben, erklären und beurteilen lässt.
Dies bleibt nicht ohne Auswirkung auf zentrale Theorien Sozialer Arbeit. Es braucht eine Überprüfung und Weiterentwicklung zentraler Theorien Sozialer Arbeit.

06

Soziale Arbeit...
Social Work ...
Le travail Social ...

behandelt Digitalisierung in ihren Aus- und Weiterbildungsgängen umfassend und erarbeitet mit der Praxis Qualitätsstandards sowie fachlich adäquate Methoden.

Fragen der digitalen Transformation müssen fester Bestandteil der Aus- und Weiterbildung Sozialer Arbeit sein. Neben der Vermittlung medientheoretischer, medientechnischer Grundlagen und den positiven und negativen Auswirkungen der Digitalisierung sind insbesondere auch Austauschmöglichkeiten zwischen Lehre, Forschung und Praxis anzustreben, um die Erfahrungen, Chancen und Herausforderungen zu reflektieren und Methoden weiter zu entwickeln.

Soziale Arbeit wird hier als Brückenwissenschaft, als originär transdisziplinärer Zugang zu Welt und Subjekt verstanden. Wesentliches Merkmal der Sozialen Arbeit ist z.B. der Perspektivwechsel, sowohl was die Subjekte, ihre Positionierung gegen- und miteinander als auch was die jeweiligen theoretischen Zugänge angeht, wie denn ein „Subjekt“ überhaupt zu verstehen ist. „Ökonomie“, „Staat“ und auch „Technologie“ sind in der Sozialen Arbeit nie als „Sachzwang“, sondern immer als Feld verstanden, in dem gehandelt wird und in dem Kritik positioniert und organisiert werden kann. Diese Thesen woillen das Potential unterstreichen, welches in der Sozialen Arbeit in Bezug auf die „Digitalisierung“ liegt. Es gilt allerdings, dieses Potenzial auch sichtbar und wirksam werden zu lassen. Zu diesem Zweck sollten sich unterschiedliche Institute, Akteure und Einzelpersonen zusammenschließen. Dieses Thesenpapier kann im besten Fall  ein Anstoß dazu sein.

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